Achtung, dieser Eintrag gleicht einem kleinen Roman, also nimm dir vielleicht einen Kaffee in die Hand und lehne dich zurück.
Ich möchte Dir von meinen bisherigen Besuchen in Ugandas Hauptstadt Kampala erzählen.
Sonntag, 12. September 2021
Müde von den vollgepackten letzten Tagen machen wir uns um 7 Uhr auf den Weg nach Ssisa, um dort ein Public Taxi nach Kampala zu nehmen. Es ist der vierte Tag, den wir nun schon hier sind. Auf dem fünf-minütigen Fußweg werden wir von einem wunderschönen Sonnenaufgang begleitet. Noch immer ist alles so neu. Ich frage mich, ob ich mich wohl jemals an die Sicht gewöhnen werde, die wir erleben dürfen, sobald wir unser Haus verlassen. Ich hoffe nicht, denn momentan kann ich diese jeden Tag aufs Neue wertschätzen.
Im Zentrum Ssisas angekommen, wird uns schon von allen Seiten „Mzungu“* zugerufen. Kinder, die uns Hallo sagen wollen, Boda Boda Fahrer, die möchten, dass wir ihre Dienstleistung nutzen, Verkäufer:innen, die uns Essen zum Frühstück anbieten und schließlich ein Taxifahrer, der uns mit nach Kampala nehmen möchte. Das Angebot nehmen wir dankend an. Nach kurzer Verhandlung, was den Preis für diese Fahrt betrifft, steigen wir acht Freiwillige für 5.000 UGX (Uganda Shilling), was umgerechnet ca. 1,25€ pro Person sind, in das Taxi ein und schon geht es los.
*„Mzungu“ bedeutet so viel wie „Weitherkommende:r“, „Reisende:r“ oder „Fremde:r“. Daher wird hier der Begriff überwiegend für weiße Menschen angewandt.

Obwohl es laut Google Maps nur etwas mehr als 20km von Ssisa nach Kampala sind, dauert die hügelige Fahrt etwas mehr als eine Stunde. Anfangs fahren wir durch verschiedene kleine Dörfer, bis wir später auf die „Kampala Road“ kommen. Eine kleine Erleichterung für meinen Magen – endlich befestigte Straßen. Google Maps zeigt mit an, dass wir schon am Stadtrand von Kampala sind, also dürfte es nicht mehr lange dauern. Doch da täusche ich mich. Die Straßen erlauben es dem Taxi zwar, etwas schneller zu fahren, der Verkehr jedoch nicht. Hupende Autos, Taxis und Boda Bodas. Dazwischen ein paar wenige Fahrräder. Immer, wenn ein Fahrzeug vor uns die Spur wechselt, ohne dabei zu blinken oder ein anderweitiges Zeichen zu geben, bekomme ich beinahe einen Herzinfarkt. „Ein Hoch auf die Deutsche Straßenverkehrsordnung“ denke ich mir in diesem Moment. Der Taxifahrer reagiert mit Hupen. Genauso wie alle anderen Verkehrsteilnehmer:innen.
Gegen 8 Uhr steigen wir mitten in Kampala aus dem Taxi aus. Und direkt merke einen neuen Schwall neuer Eindrücke auf mich zurollen. Obwohl wir gerade aus einem Taxi ausgestiegen sind, wird uns von allen Seiten zugerufen und gefragt, ob wir nicht in das oder das oder doch vielleicht das Taxi einsteigen wollen. Zu acht laufen wir in einer Schlange die Straße entlang. Jedes Mal, wenn uns jemand ein Taxi anbieten möchte, schütteln wir lächelnd und grüßend den Kopf. „Mzungu, Sister, how are you“ klingt es von allen Seiten. „Fine, how are you“ antworte ich – versuchend, niemanden zu ignorieren. Schon nach einigen Metern auf den vollen Straßen dieser Großstadt vermisse ich die Anonymität in den deutschen Großstädten. Und die Ampeln. Wie soll ich denn bei diesem Verkehr über die Straße kommen? Dicht an dicht fahren Autos und Boda Bodas durch die Hauptstadt.
Pauline, Mira und Michaela (die drei Mädels, die schon seit vier Wochen hier sind) empfehlen uns, die Moschee in der Mitte Kampalas zu besuchen, also teilen wir uns auf und wir fünf „Neuen“ statten dem riesigen Bauwerk einen Besuch ab. Für 20.000 UGX (ca. 5€) pro Person bekommen wir eine kleine Führung von Yusuf. Am Ende besteigen wir zusammen den Turm der Moschee. Über 300 Stufen geht es nach oben – von dort haben wir eine wunderschöne Aussicht über ganz Kampala. Es ist so gut, eine grobe Übersicht über diese riesige Stadt zu bekommen. Den Lärm der Straßen höre ich bis hier hoch – jedoch ist er gedämpft und es fühlt sich an, als wäre alles ganz weit weg. Ich fühle mich wohl hier. Wahrscheinlich, weil ich hier definieren kann, wer ich bin – eine Touristin. Eine Touristin, die sich eine Sehenswürdigkeit in einer wunderschönen Großstadt anschaut. Meine Hautfarbe ist hier lange nicht so ausschlaggebend wie in der Innenstadt, denn die meisten Tourist:innen, die hier her kommen, sind wahrscheinlich weiß.

Von oben sehen wir einen riesigen Marktplatz – der sieht toll aus, den müssen wir unbedingt noch besuchen, bevor wir nachher wieder zurück fahren.
Nachdem wir also den Turm wieder hinabgestiegen sind, uns von Yusuf dankend verabschiedet haben und noch einmal die Ruhe in den Mauern der Moschee genossen haben, verlassen wir das Gelände und begeben uns wieder in das Getümmel Kampalas.
Wir nutzen unseren Hunger, um endlich eine „Rolex“ auszuprobieren. Schon vor meiner Ausreise habe ich sehr häufig gelesen, dass das ein typisch Ugandisches Essen ist. Lange suchen müssen wir nicht, denn am Straßenrand reiht sich ein Rolex-Stand an den nächsten. Für 1.000 UGX, also umgerechnet ca. 25 Cent, bekomme ich ein Chapati (eine Art Fladen) und ein Omelette – zu einer Rolle eingerollt und gefüllt mit Tomaten.
Gut gesättigt und ehrlich gesagt etwas überrascht, dass es tatsächlich so lecker war, gehen wir weiter Richtung Innenstadt – den großen Marktplatz im Visier. Ich habe eine gewissen Vorstellung, wie es auf solch einem Markt ablaufen wird, doch wie sich noch zeigen wird, ist meine Vorstellung nicht annähernd zutreffend. (Logischerweise. Wann bestätigt sich denn auch schon mal eine gewisse Vorstellung – erst recht in einem fremden Land?). Am Marktplatz angekommen, kommen uns schon wieder zahlreiche Rufe entgegen. „Mzungu Mzungu! Come here“, „Sister, How are you?“, „Come and buy something” “Look what I have for you! This would look amazing on you”

Ich versuche, jedem ein Lächeln zu schenken, doch das ist bei dieser Masse an Menschen gar nicht so einfach (Erst recht nicht mit Maske). Als wären wir kleine, schreckhafte Hundewelpen, versuchen wir fünf, uns weiter auf diesen Markt zu trauen, doch schrecken nach nur wenigen Minuten zurück und gehen in eine kleine ruhigere Seitengasse. Puh, das war gerade etwas zu viel auf einmal. Zu viel von allem.
Ich bin nun wirklich bereit für den Rückweg. Der Tag fühlt sich schon so lange an – dabei ist es doch gerade erst 13:30 Uhr.
Nach einer kleinen Pause machen wir uns durch kleinere Seitengassen noch einmal auf den Weg und laufen etwas herum. Der Müll an den Straßenrändern sticht in der belebten Stadt wie ein Dorn ins Auge. Wir finden einen (recht touristischen) kleinen „African Market“, auf welchem es die typischen „Afrika-Souvenirs“ zu kaufen gibt. Im ersten Moment fühlt es sich total gut an, einen solchen Markt gefunden zu haben. Hier gibt es das, was für mich schon immer „typisch Afrika“ war. Große Bilder auf Leinwand, auf denen Elefanten, Savanne und Sonnenuntergänge abgebildet sind, bunte Stoffe und Klamotten, Statuen von Frauen, die Körbe und Gefäße auf dem Kopf tragen, großen, bunten Schmuck und so vieles mehr.
Doch schon im nächsten Moment fühlt es sich schon gar nicht mehr so gut an. Klar, hier ist es etwas ruhiger als auf den Straßen und hier wird das Bild, das ich dachte zu haben, bestätigt, doch ist es wirklich das, was Uganda am besten widerspiegelt? Während ich die Vorstellung hatte, alle Menschen hier würden große bunte Stoffe als Kleider tragen, haben die Meisten ähnliche Klamotten an, wie wir in Europa. Meistens Second Hand, viele abgetragene Klamotten, aber alles außer das, was ich mir vorgestellt habe.
Ich realisiere, dass ich noch so viel zu lernen habe. Auch wenn ich es mir selbst nicht eingestehen wollte, bin ich mit einem bestimmten Bild von dem Land, der Arbeitsstelle und den Menschen angereist. Seit ich hier bin, verstehe ich mehr und mehr, wie sehr die Realität von der Vorstellung, die wir, die Europäer:innen, von afrikanischen Ländern haben, abweicht. Zumal man ja sowieso nicht alle afrikanischen Länder auf einem kleinen Marktplatz repräsentieren kann.
Gegen 16 Uhr machen wir uns auf den Rückweg. Am Abend falle ich müde ins Bett – noch immer etwas überfordert von all den Eindrücken des vergangenen Tages.
Sonntag, 26. September 2021
Nachdem wir gestern den ganzen Tag Zuhause verbracht und uns von der vergangenen ersten Arbeitswoche ausgeruht haben, haben Emily und ich Lust, uns mal wieder nach Kampala zu wagen. Noch etwas verunsichert von den vielen überfordernden Eindrücken vor zwei Wochen, gehen wir wieder kurz vor sieben Uhr aus dem Haus – dieses Mal mit einer ganz anderen Einstellung zu dem, was uns erwarten wird. Ich erinnere mich auf dem Weg zum Public Taxi daran, dass wir vor 14 Tagen noch total auf Menschen angewiesen waren, die sich hier schon auskannten. Heute gehen wir mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein los. Wissend, dass das Taxi keinesfalls mehr als 5.000 Schilling kosten sollte, dass wir eine gute Stunde brauchen werden, und ohne die kleine, versteckte Angst, dass das Taxi irgendwo falsch abbiegt und wir nicht genau wissen, wo wir hinmüssen.
In Kampala angekommen, können wir all den Taxi-Fahrern lächelnd mitteilen, dass wir gerade zu Fuß unterwegs sind und einige Straßen kommen uns bekannt vor. Orientieren können wir uns überraschenderweise auch schon ganz gut in dieser großen, vollen Stadt. Es macht mir dieses Mal Spaß, über die großen Märkte zu schlendern, einiges zu kaufen und vor allem, zu verhandeln. (Das Totschlag-Argument im Preisverhandeln ist übrigens „That´s a Mzungu prize“, was so viel bedeutet wie „Der Preis ist so hoch, weil wir eine weiße Hautfarbe haben und ihr denkt, dass wir deshalb mehr Geld besitzen“). Ich fühle mich inzwischen schon richtig angesprochen, wenn aus irgendeiner Richtung „Mzungu“ gerufen wird und drehe mich danach um. Meistens möchte eine Person einfach wissen, wie es mir geht. „Fine. How are you?“. Der meist gesagte Satz.

Auch wenn die Rückreise etwas spannend ist, da wir zwischendurch anderthalb Stunden in einem Taxi sitzen und nicht wissen, ob und wann es weitergehen wird, ist es ein sehr erfolgreicher und aufregender Tag, der mir ein ganz anderes, neues Bild von Kampala vermittelt.
Samstag, 9. Oktober 2021
Gerade sind wir von unserem vierten Mal in Kampala zurück nach Hause gekommen. Auch wenn ich nach dem Tag sehr fertig und müde bin, merke ich, dass ich vieles inzwischen schon gewohnt bin. Noch immer sauge ich alles um mich herum wie ein Schwamm auf, allerdings vieles schon mit einer ganz anderen Einstellung. Ich weiß inzwischen, wo sich was befindet, wo ich entlanggehen muss und vor allem, wie ich über die voll befahrenen Straßen komme, ohne überfahren zu werden. Ich schlendere gerne zusammen mit den anderen über die großen Märkte, habe nicht mehr wirklich Angst, dass meine Sachen geklaut werden könnten und habe Spaß daran, Preise zu verhandeln. Auch wenn wir wahrscheinlich für das komplette Jahr für die Meisten „nur“ Mzungus sein werden, fühlt sich vieles, was mich vor einigen Wochen noch total überfordert hat, schon gar nicht mehr so fremd an.